Der schmale Grat vom Genuss zum Muss

Erika WestAllgemein0 Comments

Ausgerechnet ich werde gefragt über Genuss und Muss zu schreiben. Als Mensch mit einer Suchtstruktur ist Genuss ein heikles Thema. Für mich ist es am besten, wenn ich lerne, die Dinge zu genießen, die mich nähren und die gut für mich sind.

Das Konsumieren eines Genussmittels, das ich scheinbar liebe und das am besten noch eine bewusstseinsverändernde oder betäubende Wirkung hat, hat das Potential, meine innere Kontrollinstanz zu sprengen. Das bedeutet, ich weiß einfach nicht, wann es genug ist, und ich kann nicht mehr darauf verzichten, wenn ich nicht Acht gebe.

So ist es schnell fester Bestandteil meines Lebens geworden und dient mir zur Entspannung, zum Betäuben und als Filter gegen die Realität. Steht es nicht zur Verfügung, verlange ich danach. Im Extremfall kann es sogar zum Lebensmittelpunkt werden wie bei Alkoholikern oder wie bei mir – damals. Da ist ein Genussmittel zum „Mussmittel“ geworden.

Woran liegt es? An dem Genussmittel?

Nein, obwohl es natürlich Substanzen gibt, die an sich eine große Einladung an die Sucht mitbringen wie z. B. Zucker und Fett, Alkohol, Nikotin usw.

Trotzdem werden sie nicht für jeden Menschen zu einem Muss.

Es liegt an mir, ob ich den Genuss missbrauche. Sobald ich ein Mittel nutze, um damit etwas zu erreichen wie z.B. ein besseres Gefühl zu bekommen, mich zu entspannen, eine unerträgliche Situation oder einen Schmerz zu betäuben, habe ich den gesunden Pfad des Genusses verlassen.

Echtes Genießen zelebrieren

Samstagabend durfte ich die Erfahrung des reinen Genusses erleben. Auf einem Ausflug kehrten ein Freund und ich in ein italienisches Restaurant ein. Wir hatten uns von unserer Intuition leiten lassen und lange nach einem ansprechenden Lokal gesucht, zunächst in der Stadt, später auf den Dörfern. Schließlich saßen wir am Tisch einer italienischen Gaststätte und fragten uns: „war die Entscheidung richtig, die nicht der Verstand getroffen hatte?“ Ein mulmiges Gefühl blieb während der guten halben Stunde, in der wir auf das Essen warteten und plauderten.

Endlich wurden die Gerichte gebracht. Jeder von uns probierte vorsichtig und wurde in eine Welt des Gaumenschmauses versetzt. Wir wurden still und gaben uns ganz den mit Liebe zubereiteten Speisen hin. Ein reiner Genuss.

Langsam, achtsam und sehr bewusst genossen wir dieses Geschenk Bissen für Bissen.

Nach dem Essen ließen wir uns noch etwas Zeit, um über diese einmalige Erfahrung zu sprechen und dem angenehmen Gefühl der wohligen Sättigung und des außergewöhnlichen Geschmacks nachzuspüren.

Auch auf dem Heimweg durfte dieses Erlebnis noch „nachklingen“. Glückselig und dankbar für diesen ereignisreichen schönen Tag schlief ich an diesem Abend ein. Mit dem Schlaf ließ ich den Genuss los.

Genuss ist Bereicherung und kein Lösungsansatz

Das Loslassen ist genauso wichtig wie das Genießen selbst. Diese Erfahrung des reinen Genusses kann ich in dieser Art, wie ich es Samstagabend erlebt habe, nicht wiederholen. Es wird nie wieder genauso sein.

Wie wunderbar sind doch diese einmaligen Stunden im Leben!

Aber manchmal wünsche ich mir, dass ich ein Gefühl der Glückseligkeit selbst erzeugen kann, wenn ich es will. Vielleicht mit dem Genussmittel, das ich schon kenne? Und besonders dann, wenn es mir seelisch nicht gut geht und mir etwas fehlt. Dann muss ich aufpassen, dass ich ein Genussmittel nicht zu meinem Lieblingsmittel erhebe, von dem ich mich und meine Gefühlswelt abhängig mache.

Aus meiner Erfahrung ist das Glück durch ein Mittel eine Illusion. Es funktioniert einfach nicht.

Das Schöne am Leben ist ja gerade seine unberechenbare Art, uns überraschen und beschenken zu können. Geschenke kann ich nicht gierig einfordern.

Von Jahr zu Jahr lerne ich immer mehr, mein Leben so anzunehmen, wie es gerade ist und damit glücklich oder zumindest zufrieden zu sein. Wenn es mal wieder nicht gelingt, ist das die Gelegenheit weiter zu üben. 😉

Genuss ist jedenfalls keine Lösung für ein unglückliches Leben. Der Versuch durch stetige Einnahme von Genussmitteln glücklicher zu werden, führt früher oder später zu Verzweiflung und Wut, wohingegen ein bereits glückliches Leben mit unverhofftem Genuss hin und wieder bereichert wird.

Warum aber will ich es wiederholen? Wovor laufe ich weg? Was fehlt mir? Ist mein Leben nicht gut? Was kann ich tun, damit ich mein Leben mag und glücklich bin?

Goethe gibt darauf eine sehr schöne Antwort:

Glücklich allein ist die Seele, die liebt.

(Goethe, 1749-1832)

Damit kommt sogar die Liebe ins Spiel. Ohne eine liebende Haltung sich selbst und dem Leben gegenüber gibt es wahrscheinlich auch kein echtes Vergnügen am Genuss.

Da schließt sich doch ein schöner Kreis, der mit der Frage nach dem Genuss begann.

Was denkst Du über das Genießen und das Konsumieren müssen?

Unter welchem Aspekt betrachtest Du die so nah beieinander liegenden und doch so verschiedenen Spielarten des sinnlichen Erlebens?

Ich bin sehr gespannt, wie Du es erlebst.

Alles Liebe in dankbarer Lebensfreude

(elenawienkotte.com)

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